Irrlichter

Irrlichter 2014-2018, 1-25,, Analogfotografie Bildaddition, Grossformat 4x5 inch

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Wenn das gezündete Bild zündend ist

Zu Andreas Grebers neuen Arbeit "Irrlichter"

I. Ein Waldstück. Ein Bildtypus, der in Malerei und Fotografie eine lange Tradition hat. Denn das Licht, das in den Wald fällt, ist von besonderer Art; es ist ein Licht im Dunkeln oder in der Dämmerung des Waldesinneren, ein Licht, das durch Stämme, Äste und Blätter zu einem reizvollen Lichtspiel wird.
Das Licht auf Andreas Gerbers Fotografien jedoch hat etwas Unwirkliches. Es sind keine Sonnenstrahlen im Waldesdunkeln. Es ist auch keine von der Sonne hell beschienene Lichtung, denn dafür stehen die Bäume zu dicht, ist das Laubwerk zu geschlossen. Und ein Scheinwerfer würde den Wald und die Bäume frontaler und punktueller ausleuchten. Die Lichtquelle ist nicht ersichtlich, ist weder eruierbar noch lokalisierbar. Das Licht scheint aus dem Inneren des Bildes zu scheinen – als ob, was kaum möglich ist, faulendes Holz äusserst stark irrlichtern würde. Am ehesten ist die Wirkung, wenn schon, mit der Beleuchtung eines Dioramas in einem naturhistorischen Museum zu vergleichen: plastische Lichtillusion, irritierendes Kunstlicht.
Der Blick wandert im Wald herum, entdeckt da und dort überraschende Details: leuchtende Blätter, Efeu, das sich an der Rinde heraufrankt, Moos, Grünzeug, Gestrüpp, Gesträuch, Baumstämme. Der Blick verliert sich im Wald. Und wird doch gehalten durch die austarierte Bildkomposition der parallelen Vertikalen; auf anderen Fotografien ergibt sich ein Gleichgewicht des asymmetrischen Vordergrundes, der Diagonalen, die von links unten nach rechts oben streben. Da hat, das sieht man gleich, keiner einfach in den Wald geleuchtet, und der Wald hat dann gewissermassen zurückgeleuchtet, analog zum Sprichwort: Wie man in den Wald ruft, so schallt es zurück. Das ist hier nicht der Fall. Und dass dies nicht der Fall ist, macht diese Fotografien so irritierend, das innere Leuchten ist geheimnisvoll, mitsamt dem Unheimlichen, das hier mitschwingt, mitsamt dem Schauderhaften, das in Märchen erzählt wird und Hänsel und Gretel verängstigte, als sie durch den Wald irrten und nicht mehr aus noch ein wussten.
Ähnlich geht es dem Blick, der über die Fotografie Grebers schweift und in sie einzudringen versucht.

II. So sehr also Grebers Fotografien in der Tradition einer Bildtypologie stehen, so sehr unterscheiden sie sich von den bekannten Waldatmosphären. Das hängt mit der Art zu tun, wie der Fotograf in seinem Werk die Möglichkeiten der Fotografie auslotet. Bei ihm ist Fotografie – abgesehen von seinen Reportagen – nie eigentliches Abbild, sondern die Selbstreflexion des Mediums.
Um das verstehen zu können, muss die Versuchsanordnung skizziert werden, die zu Grebers Waldbildern führt. Der Fotograf wählt sich am Tag ein Waldstück aus und begeht es ausführlich; er prägt sich die Topografie ein, Strukturen und Linien. Noch entsteht kein physisches Bild, sondern erst die Vorstellung eines Bildes, die dann dazu führt, den Ort zu bestimmen, wo die Grossbildkamera aufgestellt wird.
Des Nachts kehrt er zurück. Das Waldstück ist mit drei rot blinkenden Fahrradlampen abgesteckt, so dass sich vom Standort der Kamera aus ein Dreieck bildet. Hinter der fix positionierten Kamera steht der Assistent. Der Fotograf selbst fotografiert also nicht im eigentlichen Sinn. Vielmehr begeht er das Waldstück systematisch und richtet das Blitzgerät auf jene Stellen, die er sich am Tag gemerkt hat. Allerdings tappt er dabei im Dunkeln, manchmal auch in eine Geländedelle; der Zufall spielt mit. Bei jeder Stelle, die er erreicht und die ihm einzuleuchten scheint, schreit er den Befehl zum Auslösen. Per Funk löst der Assistent das Blitzlicht aus, die beleuchtete Stelle wird aufs Negativ gebannt. Pro Waldgang braucht es dabei nur ein Negativ; das Bild, das am Schluss vorliegt, ist eine vielfache Mehrfachbelichtung, die, obwohl für den Abzug digitalisiert, in keiner Weise nachbearbeitet wird. Der Fotograf macht also Bilder ins Dunkle hinein, ohne dass er das Bild sehen würde, das Stück für Stück, Stelle für Stelle entsteht. Die Kunst oder die List besteht dabei aus der Vorsicht, dass der Fotograf selbst zwar stets im Bild ist, aber nicht ins Blitzlicht rückt. Er ist der unsichtbar anwesende Lichtbringer. Er ist es, der bestimmt, was im Licht aufleuchtet.
Wenn sonst die Fotografie das vorhandene Licht – und sei es auch das gerichtete oder das durch Blitz erzeugte – auf einmal aufzeichnet, so wird hier das Licht sozusagen addiert. Zu Recht sagt denn Greber auch, dass er die Fotografie, in der ursprünglichen Wortbedeutung: die Lichtzeichnung, mit seiner Versuchsanordnung ausweitet. Er ist es, der durch sein Gehen und Stehen bezeichnet, was ans Licht kommt. Indem er durch den Wald geht, zeichnet er mit dem Blitzgerät das Licht ins Bild. Er zündet das Licht an, macht gezündete Bilder. Und das ist eine zündende Bildidee. An ihr ist das Schönste die Irritation, die das Licht aus dem Inneren der Bilder auslöst. Konrad Tobler

When illuminated images illuminate the mind

On Andreas Greber’s new forest photographs

I. A forest. Both in painting and photography, forests and woodlands form part of a visual genre that has a venerable tradition. Here, in its play with tree trunks, leaves and branches, the light that penetrates and lights up the dark and dusky forest acquires a special, charming quality.
There is also a surreal aspect to the light in Andreas Greber’s photographs, however. No sunbeams penetrate the forest darkness. Nor does the sun light up a clearing: the canopy formed by close-standing trees is too dense. But neither are these trees and forests illuminated by a spotlight: its beam would be more direct, more focused.
The source of light in these works is undefined, indistinct, impossible to locate; the light appears to emanate from within the image, as though – and hard to believe – leaf mould or rotting wood were emitting a strong glow of ‘faerie fire’. If at all, the effect here might be compared to the rather unpleasant synthetic light and the illusory three-dimensionality of a diorama display in a natural-history museum.
Roaming about the forest images, the eye discovers the occasional striking detail: glowing leaves; creeping ivy on tree bark; moss and other greenery; dense shrubbery; tree trunks. The eye can lose itself in these forests; yet it is sustained by the careful visual balance, by vertical parallels or divergent diagonals that contrast with asymmetrical foregrounds.
We see straight away that there is nothing random about the lighting here. The forest does not casually reflect the light, in analogy to the saying, ‘what goes around, comes around’. Not in the least. Which is precisely why these photographs are so captivating and, perhaps, irritating. There is something mysterious, uncanny about the light that emanates from these images. This light evokes the horrors of fairtales and conjures up the frightening spectres all around Hansel and Gretel lost in the deep forest.
That is perhaps the fate of the eye as it scans Greber’s photographs in its attempt to penetrate them.

II. While Greber’s photographic works exhibit many classically typological aspects, they are also vastly different from traditional forest and woodland imagery. This is not least due to the way in which the artist explores the potentials of photography. His reportages apart, Greber uses photography less to represent actuality, but rather as a reflection on the medium as such.
To understand this, we need to consider the experimental arrangements that lead to Greber’s forest photographs. Having selected a piece of forest, the artist walks the plot, assiduously noting and recording lines, structures and topography in daylight. Rather than leading to an actual, physical image, the activity produces a visual idea; it also allows Greber to define the precise point where he will place his large-format camera, namely at the fulcrum of a triangle staked out by three blinking red bicycle lights.
After nightfall, Greber returns to the plot. An assistant operates the fixed camera. Armed with a remote-controlled flash, the photographer systematically walks the dark forest plot in search of previously noted points. Risking the occasional tumble into a depression in the terrain, he allows hazard to play its part. Each time he reaches a likely location, Greber shouts to his assistant to release both flash and camera trigger. The lit-up areas are captured, one by one, on a single negative, the outcome a multiple exposure, an image that Greber leaves completely unedited, digitising it merely for the sake of producing a print.
In other words, the photographer captures images in the dark without seeing what he is creating piece by piece. The art or artifice consists in the fact that while Greber is always in control, always ‘in the picture’ as it were, he never stands in the ‘limelight’. He is the invisible ’torchbearer’, he who defines what will shine brightly in the night.
Usually, photography records any kind of natural or artificial light. In these photographs, however, light has been added to light. Greber has quite rightly noted that by taking this approach, he has broadened the original concept of photography, of ‘drawing with light’. As he stands and walks about, he defines what will be exposed, what will ‘come to light’. By walking about the dark forest with his flash, he draws light into his images. By turning the light on, he creates illuminated images. And that is an inspired, an illuminated idea. Its most beautiful aspect is the fascination exerted by the light that shines from within the image.
Konrad Tobler

© October 2016: Transcreation from German by Margret Powell-Joss • www.powelltrans.ch

Nicht Sehen

Franz Krähenbühl

Nicht der vielen Bäume wegen sieht Andreas Greber den Wald nicht mehr, sondern weil es stockdunkel ist, wenn er sich seinem Motiv widmet. So wird das Nicht-Sehen zum impliziten Leitthema in der jüngsten Werkserie. Gehört das Licht zur immanenten Voraussetzung des Mediums Fotografie, geht Greber nun sehr spärlich damit um.
Der Wald wirkt aufgeräumt. Elegant reihen sich junge Laubbäume auf und einzelne Farnwedel strecken ihre Blätter in die Höhe. Umsäumt sind sie von mächtigen Stämmen, die wie Stelzen aus dem Boden ragen und die Tiefe des Raums markieren, denn Himmel und Umgebung sind schwarz. Eine Spannung liegt in der Luft. Seltsames Licht erhellt Baumstämme, Äste und Blätter, die sich mit scharfer Kontur vom Dunkel des Hintergrunds lösen. Fast macht es den Anschein, als leuchteten Stämme und Boden selber, denn es ist keine Lichtquelle ersichtlich und dennoch unterteilen helle Partien die Nacht. Ist einmal die eine Stammseite hell erleuchtet, steht beim nächsten die andere Seite im Licht. Doch dazwischen findet sich nichts, was die Nacht im Wald verdrängen würde. So ist es das Licht, das in diesen Bildern irritiert, kommt es doch nicht nur aus einer, sondern aus vielen Richtungen gleichzeitig.
Selten wird die Fotografie so wortwörtlich betrieben wie es Greber mit seinem experimentellen Ansatz verfolgt. Denn weniger das Festhalten von, als das Zeichnen mit Licht umschreibt seine Vorgehensweise und drückt aus, wie das Medium in seinen Anfängen verstanden wurde. Ausgerüstet mit einem kleinem Blitzgerät, das der Fotograf wie einen Zeichenstab einsetzt, durchschreitet Greber bei völliger Dunkelheit die Waldpartie. Einzelne Lichtimpulse erhellen für einen kurzen Moment ihre Umgebung. Bei geöffnetem Verschluss der Grossbildkamera, die in die Nacht blickt, schreiben sich die Lichtblicke auf den Film ein. Wie ein Gedächtnis summiert das Negativ das Licht der Mehrfachbelichtungen, zeichnet nach und nach den Wald auf. Für den Fotografen jedoch ist es nach jedem Blitz noch dunkler als zuvor. Blind tastend bewegt er sich zum nächsten Ort vor, um diesen erneut mit einem Blitz für einen kurzen Moment zu erhellen. Hunderte von Blitzentladungen braucht es, um der nächtlichen Landschaft Kontur zu geben. Definiert das Sonnenlicht tagsüber die topografische Beschaffenheit der Landschaft und ermöglicht es, Grössenverhältnisse und Distanzen einzuschätzen, fällt nachts diese Strukturierung schwer. In den Fotografien von Greber fällt das Licht nicht wie gewohnt einheitlich von oben herab, sondern strahlt von unten empor. Auch die geringe Tiefenschärfe, die nur den Mittelgrund zu zeichnen vermag, unterstützt das eigenartige Gefühl, einer surrealen Szenerie beizuwohnen.
Seit 5 Jahren widmet sich Andreas Greber dem Wald, der ihn als Motiv herausfordert. Erst die Dunkelheit, das Nicht-Sehen, erlaubt es ihm, sich dem Wald neu zu nähern, denn mit dem Blitzgerät versucht er im Dunkeln hervorholen, was er im Vorfeld bei Tageslicht genau studiert hat.

2015