Irrlichter

Irrlichter 2014-2018, 1-30, Analogfotografie, Bildaddition, Aufnahmeformat 4x5 inch

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Irrlichter

Wenn das gezündete Bild zündend ist

I. Ein Waldstück. Ein Bildtypus, der in Malerei und Fotografie eine lange Tradition hat. Denn das Licht, das in den Wald fällt, ist von besonderer Art; es ist ein Licht im Dunkeln oder in der Dämmerung des Waldesinneren, ein Licht, das durch Stämme, Äste und Blätter zu einem reizvollen Lichtspiel wird.
Das Licht auf Andreas Gerbers Fotografien jedoch hat etwas Unwirkliches. Es sind keine Sonnenstrahlen im Waldesdunkel. Es ist auch keine von der Sonne hell beschienene Lichtung, denn dafür stehen die Bäume zu dicht und das Laubwerk ist zu geschlossen. Und ein Scheinwerfer würde den Wald und die Bäume frontaler und punktueller ausleuchten. Die Lichtquelle ist nicht ersichtlich, ist weder eruierbar noch lokalisierbar. Das Licht scheint aus dem Inneren des Bildes zu strahlen – als ob, was kaum möglich ist, faulendes Holz äusserst stark irrlichtern würde. Am ehesten ist die Wirkung, vielleicht mit der Beleuchtung eines Dioramas in einem naturhistorischen Museum zu vergleichen: plastische Lichtillusion, irritierendes Kunstlicht.
Der Blick wandert im Wald herum und heftet sich da und dort Details: leuchtende Blätter, Efeu, der sich an der Baumrinde heraufrankt, Moos, Gestrüpp, Gesträuch, Baumstämme. Der Blick verliert sich im Wald. Und wird doch gehalten durch die austarierte Bildkomposition der parallelen Vertikalen. Auf anderen Fotografien ergibt sich ein Gleichgewicht des asymmetrischen Vordergrundes, der Diagonalen, die von links unten nach rechts oben streben. Da hat, das sieht man gleich, keiner einfach in den Wald geleuchtet, und der Wald hat dann gewissermassen zurückgeleuchtet, analog zum Sprichwort: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Das ist hier nicht der Fall. Und dass macht diese Fotografien so irritierend: Das innere Leuchten ist geheimnisvoll, mitsamt dem Unheimlichen, das hier mitschwingt, mitsamt dem Schauderhaften, das in Märchen erzählt wird und Hänsel und Gretel verängstigte, als sie durch den Wald irrten und nicht mehr aus noch ein wussten.
Ähnlich ergeht es dem Blick, der über die Fotografie Grebers schweift und in sie einzudringen versucht.

II. So deutlich also Grebers Fotografien in der Tradition einer Bildtypologie stehen, so sehr unterscheiden sie sich von den bekannten Waldszenerien. Das hängt mit der Art zu tun, wie der Fotograf in seinem Werk die Möglichkeiten der Fotografie auslotet. Bei ihm ist Fotografie – abgesehen von seinen Reportagen – nie blosses Abbild, sondern die Selbstreflexion des Mediums.
Um dies zu verstehen, muss die Versuchsanordnung skizziert werden, die zu Grebers Waldbildern führt. Der Fotograf wählt sich am Tag ein Waldstück aus und begeht es ausführlich; er prägt sich die Topografie ein, Strukturen und Linien. Noch entsteht kein physisches Bild, sondern erst die Vorstellung eines Bildes, die dann dazu führt, den Ort zu bestimmen, wo dann die Grossbildkamera aufgestellt wird.
In der Nacht kehrt er zurück. Das Waldstück ist mit drei rot blinkenden Fahrradlampen abgesteckt, sodass sich vom Standort der Kamera aus ein Dreieck bildet. Hinter der fix positionierten Kamera steht die Assistents. Der Fotograf selbst fotografiert also nicht im eigentlichen Sinn. Vielmehr begeht er das Waldstück systematisch und richtet das Blitzgerät auf jene Stellen, die er sich am Tag gemerkt hat. Allerdings tappt er dabei im Dunkeln, manchmal auch in eine Kuhle; der Zufall spielt mit. Bei jeder Stelle, die er erreicht und die ihm einzuleuchten scheint, schreit er den Befehl zum Auslösen. Per Funk löst die Assistents das Blitzlicht aus, die beleuchtete Stelle wird aufs Negativ gebannt. Pro Waldgang braucht es dabei nur ein Negativ; das Bild, das am Schluss vorliegt, ist eine vielfache Mehrfachbelichtung, die, obwohl für den Abzug digitalisiert, in keiner Weise nachbearbeitet wird. Der Fotograf macht also Bilder ins Dunkle, ohne dass er das Bild sieht, das Stück für Stück, Stelle für Stelle entsteht. Die Kunst oder die List besteht darin achtzugeben, dass der Fotograf selbst zwar stets im Bild ist, aber nicht ins Blitzlicht rückt. Er ist der unsichtbar anwesende Lichtbringer. Er ist es, der bestimmt, was im Licht aufleuchtet.
Wenn sonst die Fotografie das vorhandene Licht – und sei es auch das gerichtete oder das durch Blitz erzeugte – auf einmal aufzeichnet, so wird hier das Licht sozusagen addiert. Zu Recht sagt denn Greber auch, dass er die Fotografie, in der ursprünglichen Wortbedeutung: die Licht-Zeichnung, mit seiner Versuchsanordnung ausweitet. Er ist es, der durch sein Gehen und Stehen bezeichnet, was ans Licht kommt. Indem er durch den Wald geht, zeichnet er mit dem Blitzgerät das Licht ins Bild. Er zündet in den Bildern das Licht an, macht gezündete Bilder. Und das ist eine zündende Bildidee. An ihr ist das Schönste die Irritation, die das aus dem Innern der Bilder leuchtende Licht auslöst.

Konrad Tobler

Ghost Lights

I. A woodland or forest. Both in painting and photography, they form part of a visual genre that has a venerable tradition. Here, it is a special light that lights up the dark and dusky forest as it falls on tree trunks, leaves and branches. The play of light and dark acquires a charming quality. However, there is also a rather unreal aspect to the light in these photographs. No sunbeams penetrate the dark or light up the clearing because the closestanding trees form too dense a canopy.
The beam from a spotlight would be more direct, more focused. The light source is undefined, indistinct, impossible to locate. The light appears to glow from within the image, as though – and hard to believe – strong bioluminescence emanated from rotting wood. If at all, the effect here might be compared to the rather unpleasant synthetic light and illusory three-dimensionality of a diorama display in a natural history museum. Roaming about the forest, the eye discovers striking details here and there: glowing leaves; ivy creeping up a tree trunk; moss and other greenery; dense shrubbery; tree trunks. The eye can lose itself in these forests, yet is sustained by the carefully balanced composition: vertical parallels here, divergent diagonals contrasting with asymmetrical foregrounds there.
It becomes immediately evident that there is nothing random about the lighting
in these photographs. By contrast to the saying that “what goes around, comes
around”, the light is not casually reflected back from the forest. Not in the least.
Which is precisely what makes these photographs so irritating. There is something mysterious and uncanny about the light that emanates from them. It evokes the horrors
of fairytales; it conjures up the spectres that terrified Hansel and Gretel lost deep in the forest. That, perhaps, is the fate of the eye that scans these photographs in its attempt to penetrate them.

II. While Greber’s photographic works exhibit many classically typological aspects, they are also vastly different from traditional forest and woodland imagery. This is not least due to the way in which the artist explores the potentials of photography. Except in his reportages, Greber uses photography less to represent (f)actuality than as a self-reflection of the medium itself.
In order to understand this, we need to consider the experimental arrangements
required by Greber’s forest photographs. Having selected a forest plot, the artist
walks it by day, assiduously noting and recording lines, structures and topography. Rather than leading to an actual, physical image, this activity produces a visual idea. It also allows Greber to define the precise point where he will place his large-format camera, which is the fulcrum of a triangle staked out by three red and blinking bicycle lights. After nightfall, Greber returns to the plot An assistant operates the fixed camera. Armed with a remote-controlled flash, Greber systematically walks the dark forest plot in search of previously noted points. Risking occasional stumbles as he crosses the uneven terrain, he allows
hazard to play its part. Each time he reaches a likely location, the artist calls
to his assistant to release both the flash and the camera trigger. One by one,
the lit-up areas are captured on a single negative to create a multiple exposure.
The image is left completely unedited, and digitised only for the sake of producing a print. In other words, the photographer captures images in the dark, piece by piece, without seeing what he is creating. The art or artifice consists in the fact that while Greber is always in control, always “in the picture”, as it were, he never stands in the limelight. He is the invisible torchbearer who defines what will shine brightly in the night. Usually, photography records any kind of natural or artificial light. In these photographs, however, light has been added to light. Greber has quite rightly noted that by taking this approach, he has broadened the original concept of photography, of “light drawing”. As he stands
and walks about, he defines what will be exposed, what will come to light. By
walking about the dark forest with his flash, he draws light into his images.
By turning on the light, he creates illuminated images. What an inspired,
illuminated idea. Its most beautiful aspect is the fascination exerted by the
light that shines from within the image. Ghost Lights

Konrad Tobler

© October 2016: Transcreation from German by Margret Powell-Joss • www.powelltrans.ch

Nicht Sehen

Franz Krähenbühl

Nicht der vielen Bäume wegen sieht Andreas Greber den Wald nicht mehr, sondern weil es stockdunkel ist, wenn er sich seinem Motiv widmet. So wird das Nicht-Sehen zum impliziten Leitthema in der jüngsten Werkserie. Gehört das Licht zur immanenten Voraussetzung des Mediums Fotografie, geht Greber nun sehr spärlich damit um.
Der Wald wirkt aufgeräumt. Elegant reihen sich junge Laubbäume auf und einzelne Farnwedel strecken ihre Blätter in die Höhe. Umsäumt sind sie von mächtigen Stämmen, die wie Stelzen aus dem Boden ragen und die Tiefe des Raums markieren, denn Himmel und Umgebung sind schwarz. Eine Spannung liegt in der Luft. Seltsames Licht erhellt Baumstämme, Äste und Blätter, die sich mit scharfer Kontur vom Dunkel des Hintergrunds lösen. Fast macht es den Anschein, als leuchteten Stämme und Boden selber, denn es ist keine Lichtquelle ersichtlich und dennoch unterteilen helle Partien die Nacht. Ist einmal die eine Stammseite hell erleuchtet, steht beim nächsten die andere Seite im Licht. Doch dazwischen findet sich nichts, was die Nacht im Wald verdrängen würde. So ist es das Licht, das in diesen Bildern irritiert, kommt es doch nicht nur aus einer, sondern aus vielen Richtungen gleichzeitig.
Selten wird die Fotografie so wortwörtlich betrieben wie es Greber mit seinem experimentellen Ansatz verfolgt. Denn weniger das Festhalten von, als das Zeichnen mit Licht umschreibt seine Vorgehensweise und drückt aus, wie das Medium in seinen Anfängen verstanden wurde. Ausgerüstet mit einem kleinem Blitzgerät, das der Fotograf wie einen Zeichenstab einsetzt, durchschreitet Greber bei völliger Dunkelheit die Waldpartie. Einzelne Lichtimpulse erhellen für einen kurzen Moment ihre Umgebung. Bei geöffnetem Verschluss der Grossbildkamera, die in die Nacht blickt, schreiben sich die Lichtblicke auf den Film ein. Wie ein Gedächtnis summiert das Negativ das Licht der Mehrfachbelichtungen, zeichnet nach und nach den Wald auf. Für den Fotografen jedoch ist es nach jedem Blitz noch dunkler als zuvor. Blind tastend bewegt er sich zum nächsten Ort vor, um diesen erneut mit einem Blitz für einen kurzen Moment zu erhellen. Hunderte von Blitzentladungen braucht es, um der nächtlichen Landschaft Kontur zu geben. Definiert das Sonnenlicht tagsüber die topografische Beschaffenheit der Landschaft und ermöglicht es, Grössenverhältnisse und Distanzen einzuschätzen, fällt nachts diese Strukturierung schwer. In den Fotografien von Greber fällt das Licht nicht wie gewohnt einheitlich von oben herab, sondern strahlt von unten empor. Auch die geringe Tiefenschärfe, die nur den Mittelgrund zu zeichnen vermag, unterstützt das eigenartige Gefühl, einer surrealen Szenerie beizuwohnen.
Seit 5 Jahren widmet sich Andreas Greber dem Wald, der ihn als Motiv herausfordert. Erst die Dunkelheit, das Nicht-Sehen, erlaubt es ihm, sich dem Wald neu zu nähern, denn mit dem Blitzgerät versucht er im Dunkeln hervorholen, was er im Vorfeld bei Tageslicht genau studiert hat.

2015